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Rittertum heute im technologischen Zeitalter
Ein Beitrag von Otto v. Habsburg


Copyright by Priory of the Maltese Islands
of the Military and Hospitaller Order
of St. Lazarus of Jerusalem

Der Begriff des Rittertums wird des öfteren als überholt bezeichnet, und dies nicht erst heute. Das dürfte weitgehend darauf zurückzuführen sein, daß man, wie in vielen anderen Fragen, Äußerlichkeiten und zeitgebundene Erscheinungsformen mit Grundsätzen verwechselt. In einem Zeitalter, in dem die Schrift durch das stets sich wandelnde, flüchtige Bild verdrängt wird, verflacht auch der Sinn für innere und beständigere Werte.

So verstehen viele unter Rittertum eine Art von mondäner Stellung oder gesellschaftlicher Funktion. Handelte es sich nun ausschließlich um ein solches Phänomen, könnte man es getrost fallenlassen. Da es aber, geschichtlich gesehen, mehr ist als bloße Herrschaftsstruktur oder Befriedigung snobistischer Gelüste, ist es geboten, seine Wurzeln zu erforschen, um sich zu fragen, ob es unserer Zeit noch etwas bieten kann.

In seiner Glanzzeit war das Rittertum und war seine Weiterentwicklung, die ritterlichen Orden, ein bewußter Versuch der Elitenbildung. Diese Aufgabe entsprach den Bedürfnissen des aufkommenden Agrarzeitalters. Als die Jäger und Fischer seßhaft wurden und daher die Zeltgemeinschaften und Stämme territorialen Verwaltungsbezirken weichen mußten, entstand das Rittertum aus den Selbstverteidigungseinheiten der Bauern. Zuerst als rein militärische Organisation gedacht, fiel ihm zwangsläufig im Laufe der Zeit auch eine Verwaltungs- und damit eine politische Rolle zu. Um dieser gerecht zu werden, brauchte das Rittertum höhere Leitsätze, an denen es sich orientieren konnte. Auch das Schicksal des Lazarusordens unterlag dieser Gesetzmäßigkeit, obwohl er sich, zum Unterschied von den anderen großen Orden, zunächst ausschließlich karitativ betätigt hatte. So gesehen, zeigt sich also das Rittertum unter zwei Aspekten. Der eine davon ist der zeitbedingte, an das beginnende Agrarzeitalter gebundene; der andere hingegen ist sozusagen substantiell: Denn die Aufgabe, Eliten zu bilden, stellt, unter allen stets wechselnden Bedingungen, sich immer wieder aufs neue.

Das bedeutet, daß auch in Zeiten, in denen die dem Agrarzeitalter angemessenen Formen des Rittertums längst entschwunden sind, innere Berufung als eigentliche Substanz, auch weiterhin bestehen bleibt.

Analogien finden sich in der Kirchengeschichte. Auch die Kirche hatte ihre Orden, die den Gegebenheiten ihres Jahrhunderts entsprachen. So gab es ein benediktinisches Zeitalter, dem jenes der Franziskaner und Dominikaner folgte. Aus den Erschütterungen der Glaubensspaltung gingen die Jesuiten hervor. Heute haben die traditionellen Organisationen noch immer ihre Berechtigung; die Kirche braucht aber neue Institutionen, die insbesondere die Laien ansprechen und damit die religiöse Botschaft in unser säkularisiertes Leben tragen. Der gewaltige Erfolg religiöser Laienorden, wie etwa des „Opus Dei", ist als Erfüllung eines zeitbedingten Bedürfnisses zu verstehen.

Es gilt eben, bei allen Organisationsformen das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Vermag man dies, so bleibt die Aufgabe eines Ordens stets aktuell, weil sie sich den Gegebenheiten anpassen konnte.

Der größte Wert des Rittertums lag in den Idealen, die seine Träger gehalten waren, in ihrem Leben zu erfüllen. Gewiß ist auch in den Zeiten der Hochblüte viel Böses geschehen — man denke hier nur an das Raubrittertum, das in der kaiserlosen Zeit eine für das Reich verhängnisvolle Rolle spielte. Da aber die Ritter sich an hohen Werten zu orientieren hatten, wurden am Ende doch stets diejenigen, die diesen Werten nicht entsprachen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Erste Aufgabe des Rittertums war der Dienst am Glauben, und schönster Ausdruck dieser Dienstbarkeit waren die Ritterorden, die berufen waren, das christliche Abendland zu verteidigen, die heiligen Stätten zu schützen und zugleich mit ihrer soldatischen Funktion auch die Werke der christlichen Nächstenliebe zu vollbringen. Ritter, die keinen Orden angehörten, waren religiös nicht weniger gebunden. Gewiß, es war ganz allgemein ein glaubensfestes Zeitalter — aber das war nicht ausschlaggebend. Mit gleichem Recht ließe sich umgekehrt sagen, die glaubensstarken Ritter hätten ihre Epoche geformt.

Der Glaube, die Verankerung im Transzendenten, führte zur Selbstlosigkeit des Dienstes. Beispielgebend darin war die burgundische Ritterschaft, die als Rückhalt eines Vielvölkerstaates, schon um diesen zu erhalten, einen Ausgleich zwischen den Nationen, zwischen Deutschen und Franzosen, suchen mußte. Die Ritter als Beamte des Staates verkörperten das genaue Gegenteil der Bürokratie, der Herrschaft des Schreibtisches oder des Amtes, und das burgundische Ideal lebte im Verwaltungsapparat des alten Österreichs bis in unser Jahrhundert weiter.

Eine wichtige Rolle spielte auch der Begriff der persönlichen Ehre. Man achtete Gott und daher auch sein Ebenbild auf Erden, den Menschen. Das Glaubensideal setzte im täglichen Leben jene höheren Maßstäbe, die von einem Ehrenmann erwartet werden können. Gewiß wird dessen Weg kein leichter sein. Das ist aber auch nicht der Zweck des Lebens auf dieser Erde, sobald man erkannt hat, daß es nur ein flüchtiger Auftakt unserer Existenz ist.

Mit der Ehre verwandt ist auch, nach Thomas von Aquin, die ritterliche Tugend der Hochgesinntheit, also Großes von sich zu denken und sich, auf Gott vertrauend, Großes zuzutrauen. Vom hochgesinnten Menschen gilt das Wort des Psalmisten: „Ein Nichts ist der Bösewicht in seinen Augen."

Schließlich ist eines der wichtigsten Kriterien des Rittertums der persönliche Mut , der nicht darin besteht, keine Angst zu haben, sondern darin, sie zu überwinden und trotz aller Angst zu handeln, wie es das Gewissen befiehlt. Mut darf also nicht ausschließlich im Sinne soldatischer Tugend verstanden werden, sondern auch als furchtloses Auftreten für das, woran man glaubt. Der moralische Mut verlangt uns oft wesentlich mehr ab als der physische. Er stellt auch eine dauernde Herausforderung dar. Ein Held im Sinne des Kriegers zu werden, kann der Akt eines Augenblicks sein; moralisches Heldentum aber bedeutet Verpflichtung, bindend für das ganze Leben.

Heute sind die meisten ritterlichen Tugenden selten geworden. Der Glaube verfällt und mit ihm der selbstlose Dienst um Gotteslohn; auch der Mut geht im allgemeinen Konformismus unter. Die persönliche Ehre tritt gegenüber dem angeblichen Ideal des Lebensstandards zurück. Es gibt nur noch wenige Menschen, die der materiellen Versuchung Nein sagen, um geistige Werte zu erkämpfen oder zu verteidigen. Je mehr von Lebensqualität gesprochen wird, desto weniger versteht man, was dieses Wort eigentlich bedeuten sollte. Denn Lebensqualität kann weder durch die Erklärung einer Regierung noch durch Gesetze erreicht werden. Das ist der tiefere Grund, warum unser Europa, das ein geistig-religiöses Erbe zu verwalten hat, sich heute in tiefster Krise befindet.

In unseren Tagen, wie stets und mehr denn je, tun ritterliche Tugenden not. Die Erneuerung unseres Erdteils, aber auch unserer Vaterländer, ist vor allem eine Frage des persönlichen Einsatzes. In unserer Gemeinschaft müssen Menschen aufstehen, die sich wieder zu den ritterlichen Tugenden bekennen und die bereit sind, für diese Ideale offen einzutreten. Dann erst werden sie überzeugen, lenken, neu gestalten können. Ein solcher Einsatz verlangt aber die Bereitschaft zum persönlichen Risiko. All zu oft begegnet man Menschen, die auf ein neutrales Betätigungsfeld ausweichen, um ihr Gewissen zu beruhigen, ohne dabei die eigene Sicherheit aufs Spiel setzen zu müssen. Der wahrhaft ritterliche Mensch hingegen wird bereit sein, dort aufzutreten, wo es am meisten Not tut und wo für ihn selbst die Gefahr am größten ist.

Unsere Zeit ist keine Zeit für Laue. Die Geschichte wird über uns alle ein unerbittliches Urteil fällen, weil die Zukunft Europas jetzt und hier in unsere Hand gegeben ist. Immer wieder im Laufe der Geschichte hat der Allmächtige einzelnen Völkern oder auch Kontinenten eine Sendung zugeteilt. Wurden sie dieser untreu, hat Gott „das Licht von ihnen genommen" und sie mußten zeitweilig oder für immer von der Bühne der Geschichte abtreten. Unser Europa hatte offensichtlich die Aufgabe, das Christentum und die christliche Zivilisation in aller Welt zu verbreiten. Sollten wir aber nicht mehr fähig sein, diese Pflicht zu erfüllen, wird unsere Berufung auf andere übertragen werden. Mit Recht hat ein deutscher Denker gesagt, das Kreuz brauche nicht Europa, Europa aber brauche das Kreuz.

Hier kann nur noch der einzelne dem Unheil Einhalt gebieten. Europa stirbt am Materialismus; diesen zu brechen, brauchen wir die Ritter und die Heiligen unserer Tage. Auch wenige vermögen Entscheidendes zu tun — hätten nicht sieben Gerechte Sodom vor dem furchtbaren Ende bewahrt?

Quelle: Auszug aus dem Werk "Memento", Autor: † Erich Feigl, herausgegeben vom Kanzleramt des Grosspriorates von Österreich des Ordre Militaire et Hospitalier de Saint-Lazare de Jerusalem, Wien, 1978, Seiten 13 bis 16

Anmerkung des Webseitenbetreibers. So weit die edle Theorie. Wie es mit der Ritterlichkeit und moralischen Werten heute im Lazarus-Orden in der Praxis aussieht, wird kurz auf der Hauptseite dieser Internetpräsenz dargelegt.

Letzte Aktualisierung am 13.08.2015

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